Arbeitsgruppe für durch Zecken übertragene Krankheiten
Institut für bakterielle Infektionen und Zoonosen
Forschungsschwerpunkt:
Epidemiologie der Frühsommer-Meningoenzephalitis und weiterer durch Zecken übertragener Krankheiten
Die Bewertung des Expositionsrisikos sowie die Prophylaxe und Therapie von durch Zecken übertragenen Krankheiten erfordert eine möglichst lückenlose epidemiologische Abklärung von Erkrankungsfällen. Dazu gehören insbesondere bei FSME umfassende Untersuchungen zur Virusprävalenz in Zeckenbiotopen, um im Ergebnis eine Neubewertung von Risiken und Risikogebieten zu ermöglichen und in enger Verknüpfung mit den Aufgaben als Nationales Referenzlabor unsere konsiliarische Tätigkeit ständig zu aktualisieren. Wir führen deshalb zur Zeit an verschiedenen Orten Untersuchungen durch, so in der Colbitz-Letzlinger Heide, einem bisherigen Nichtrisikogebiet in Sachsen-Anhalt, Wartburgkreis/Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen, Neustrelitz und Rügen, Mecklenburg-Vorpommern. Häufig ist das erstmalige Auftreten eines klinischen Falls von FSME der Anlass für weitergehende epidemiologische Untersuchungen in den Zecken des jeweiligen Gebietes.
Die Kenntnisse über FSME bei Tieren sind nach wie vor gering, deshalb gilt unser besonderes Interesse der Abklärung klinisch als mögliche FSME eingestufter Befunde, insbesondere bei Tierarten, die einer natürlichen Exposition durch infizierte Zecken ausgesetzt waren.
Wir diagnostizierten den ersten Fall einer FSME beim Affen nach natürlicher Exposition in einem FSME-Hochrisiko-Gebiet, wobei klinische, serologische und neuropathologische Befunde erhoben sowie das Vorkommen von FSME-Virus im Gehirn immunhistochemisch und mittels realtime RT-PCR und nRT-PCR nachgewiesen wurden.
Der Affenberg, in dem die Infektion stattfand, befindet sich im Süden Deutschlands, im Bodensee-Kreis. Dieser Kreis ist ein FSME-Risikogebiet, an das sich im Westen ein FSME-Hochrisikogebiet (Kreis Konstanz) anschließt. Zwischen 1999 und 2005 wurden im Bodenseekreis 25 und im Kreis Konstanz 30 humane autochthone klinische FSME-Fälle gemeldet. Die Prävalenz des FSME-Virus in Zecken (Ixodes ricinus) lag in diesem Gebiet zwischen 1,2 und 2,3%.
In einer Gruppe von ca. 200 Affen, die in einer großen Außenanlage gehalten wurden, erkrankte ein weiblicher Berberaffe (Macaca sylvanus) mit Taumeln, Parese der Beine, Koordinierungsstörungen in intermittierendem Opisthotonus. Vier Tage nach Auftreten der ersten klinischen Symptome fiel der Affe ins Koma und wurde euthanesthesiert. Bei der Sektion des Affen waren keine makroskopischen Veränderungen zu sehen.
Moderate perivaskuläre entzündliche Areale und eine diffuse Infiltration des Hirnparenchyms durch mononukleäre Zellen waren in nahezu allen untersuchten Hirnabschnitten zu sehen, auch in den Basalganglien und im Cerebellum. Zusätzlich traten geringe mononukleäre entzündliche Infiltrate in den Hirnhäuten auf. Das FSME-Virus-Antigen wurde immunhistochemisch in Neuronen nachgewiesen, hauptsächlich in den Purkinje-Zellen der Kleinhirnrinde und in geringerer Zahl in den pyramidalen Neuronen des Cortex. Obwohl das klassische Bild der weit verbreiteten multinodulären Läsionen nicht beobachtet wurde, war das Verteilungsmuster des viralen Antigens vergleichbar dem bei tödlich verlaufenden humanen Erkrankungen mit akutem oder perakutem klinischen Verlauf.
Vom Gehirn wurden 10 Proben zur Bestimmung des FSME-Virus-Antigens mittels PCR entnommen, die sowohl Groß- und Kleinhirn sowie Hirnstamm einschlossen. Sechs der 10 Proben waren positiv in der nRT-PCR, die Untersuchung des Liquor cerebrospinalis ergab ein negatives Resultat. Die Sequenzierung dieser 6 PCR-Produkte zeigte eine vollständige Homologie mit dem FSME-Stamm Neudoerfl, dem Prototypen des Europäischen FSME-Virus-Subtyps, was impliziert, dass die Infektion vor Ort durch infizierte Zecken verursacht wurde. Das Serum wurde mittels ELISA getestet, wobei sich FSME- Antikörper nachweisen ließen.
Eine retrospektive Analyse anamnestischer Daten der betroffenen Affenhaltung zeigte, dass vermutlich auch in der Vergangenheit schon Affen sporadisch an FSME erkrankt waren.
Weiterhin werden serologische Untersuchungen auf FSMEV spezifische Antikörper mit Seren von kleinen Wiederkäuern durchgeführt. Nach ersten Ergebnissen könnten Ziegen und Schafe als Sentinels für die Bewertung des FSME-Risikos in einer Region geeignet sein, was in weiteren Untersuchungen an einer großen Tierzahl verifiziert werden muss.
Stand: 2.12.2010
